Letzten Sommer erlebte ich bei einem Bad im Schlachtensee einen jener Momente, bei dem einem das Schicksal eine neue Richtung weist.

25 Jahre nachdem es IRONMAN sagte, flüsterte es mir diesmal zu: LANGSTRECKENSCHWIMMEN! Realistisch betrachtet eine groteske Idee, da ich nie zu den guten Schwimmern gehörte, aber wer bin ich schon, dem Schicksal zu widersprechen…

„Schwimmen lernt man nur durch Schwimmen!“, sagte eine berühmte Schwimmerin mal zu mir. Als eifriger Schüler konnte man mich in der Folge dreimal, in Hochzeiten bis zu fünfmal wöchentlich durchs Wasser des Schlachtensees, der Krummen Lanke sowie der Zehlendorfer Welle pflügen sehen.
Nachdem dank der Hilfe jener berühmten Schwimmerin (in der Folge „Trainerin“ genannt) meine Schwimmtechnik einen richtigen Schub bekommen hatte, reihte ich mich ein in das muntere Bahnenschwimmen meiner Gefährten von der „Schnellschwimmerbahn“. Selbstverständlich besteht das Schwimmerleben nicht nur aus Technik- und Ausdauertraining, sondern auch aus Wettkämpfen! Sundschwimmen (von Rügen nach Stralsund), Hamburger Freiwasserschwimmen über 2,5 und 5 Kilometer, aber auch mal ein Swim&Run. In letzte Kategorie fällt auch Dirk Nannis Hechtsprung, da nach jeder Schwimmrunde ein paar Meter Laufen zu absolvieren sind.
Nach Training und Wettkämpfen und noch mehr Training stand für mich in diesem Frühjahr eine weitere Premiere an. Das schöne an jeder Sportart ist ja, dass man als Anfänger ständig Premieren erlebt. Als Frischling in der Rettungsschwimmerszene und Mitglied der DLRG Cha-Wi auf dem Karriereweg „Wasserretter“ (im Fachjargon Schlumpf genannt) bestand für mich daher auch nicht der Hauch eines Zweifels, dass ich beim anstehenden 12-Stunden-Schwimmen unseres Bezirks an den Start gehen würde.
Langstreckenschwimmen ähnelt dem Ironman sehr. Entweder ist das was für einen oder nicht. Entweder man ist psychisch in der Lage die Distanz zu bewältigen oder nicht. Ausgiebiges Training ist nur die halbe Miete. Genau so wie man im Marathontraining normalerweise keine 42 Kilometer am Stück läuft, genau so wenig schwimmt der Marathonschwimmer im Rahmen des Trainings Strecken jenseits der 10 Kilometer. Der berühmte Goldi bestätigt hier natürlich die Regel - was erstere Disziplin anbelangt…
Wie bei allen neuen Dingen, so gibt es bei einem Wettkampf für den man theoretisch nur einen Sichtschutz für die primären Geschlechtsmerkmale, eine Badekappe sowie eine Schwimmbrille benötigt, 1.000 Dinge in der unmittelbaren Vorbereitung, mit denen man sich zu beschäftigen hat, bzw. einfach beschäftigt, da man neben aller Professionalität ja zugegebenermassen doch etwas aufgeregt ist.
Ich z.B. ging am Vorabend des Wettkampfes auf Anraten eines DLRG Kameraden, der 2009 selber schon mal 3. der deutschen Meisterschaft über die 25 Kilometer war, zu McDonalds und habe mir da reichlich „kurzkettige“ Kohlenhydrate sowie fettige Lebensmittel zugeführt. Zitat: „Das machen in der Spitze alle. Mit denen bringst Du dich in den ersten 1 bis 1,5 Stunden nach vorne, wenn es darauf ankommt richtig Druck zu machen!“
In der Realität fühlte ich mich nach vorgenannter Zeitspanne schon so ausgebrannt, dass ich anfing die selber zubereiteten Nudeln mit Tomaten Passata in Tupper zu verspeisen.
Eine weitere Portion ebenfalls vorbereiteter Reis kam nicht so gut an. Wegen der möglichen Belastung für den Magen sollte man bei Speisen und Getränken möglichst darauf verzichten, diese mit all zu viel Sauce oder gar Gewürzen zu verfeinern, was speziell den Reis etwas trocken macht. Trainerin empfiehlt hier sog. trockene Nudeln, die ohne jede Zugabe von Sauce kalt verspeist werden.
An sich ist so ein 12-Stunden Schwimmen eher extrem unspektakulär. Jede/r schwimmt für sich in ihrem/seinem Tempo vor sich hin und versucht ein persönliches Ziel zu erreichen.
Die meisten Starter sind dabei eher gering ambitioniert und ihr Ziel ist es, durch ihre Anwesenheit zum Gelingen der Veranstaltung beizutragen. Das betrifft (so meine aktuelle Erfahrung) speziell Menschen, die sich nicht als Schwimmer sehen, sondern als Lebensretter…
Dennoch gibt es in den Reihen der DLRG durchaus auch ambitionierte Menschen, die grosse Strecken am Stück schwimmen können. Der Veranstaltungsrekord liegt irgendwo jenseits der 30 Kilometer.
Als Stundenschwimm-Novize und unbekannte Grösse „mit“ Wettkampfambitionen ging es für mich darum, die Wettkampfdauer von 12 Stunden auszunutzen und taktisch geschickt in dieser Zeit auch die für mich maximal mögliche Schwimmstrecke zurückzulegen.
Mehr ratend als wissend hatte ich mir die 20 Kilometer als Ziel gesetzt. Wie sich für mich herausstellte, keine schlechte Wahl. Hätten sämtliche Arme mitgespielt, wäre das auch zu erreichen gewesen.
Die Taktik war, jede Stunde 1.700 Meter zu schwimmen und dann eine Pause bis zum Beginn der nächsten Stunde einzulegen. Da ich morgens erst mal (Leute die mich kennen, wird das jetzt nicht wundern) vor der falschen Schwimmbadtüre stand - es gibt nämlich vom Stadtbad Wilmersdorf 2 Exemplare, begann für mich die Stunde jeweils um viertel nach…
Dank meiner „Garmin Swim“ war ich unabhängig von den Bahnenzählern am Beckenrand bzw. meinem schlechten Kurzzeitgedächtnis und überlies die Zählerei einfach der Uhr. Da ich nicht allein auf der Bahn war, sollte sich diese Taktik als überdenkenswert herausstellen.
Als ich mich nämlich erstmalig nah der 15.000 Meter Marke wähnte, hatte ich in Wirklichkeit mal gerade knapp 13.000 geschwommen. Nicht bedacht hatte ich, dass die ansonsten zuverlässige Schwimmuhr immer richtig die Bahnen zählt, aber schon mal ins Schleudern gerät wenn man mitten auf der Bahn den Schwimmstil wechseln muss, weil man zu unüberholbaren Schwimmern aufgeschwommen ist. Zeitweilig hatte ich mit 2 bis 3 Brustschwimmern gleichzeitig zu kämpfen.
Rein in das Wasser, raus aus dem Wasser - im regelmässigen stündlichen Wechsel. Trinken, essen, trinken, essen… Neben den bereits erwähnten Nudeln leisteten mir die mitgebrachten Hydro Gels beste Dienste. 2 Tütchen/Stunde sind da durchaus eine gute Dosis. Open Water lassen sich diese auch gut in der Badebekleidung verstauen und schnell verzehren. Ebenfalls in der Tasche und erfolgreich zum Einsatz gebracht waren zwei Büchsen eines colaartigen Getränks, das Schwimmflügel verleiht.
Nachdem sich bei der 12-Kilometer Marke meine linke Schulter langsam bemerkbar machte, änderte ich meinen Plan die 20 Kilometer zu schwimmen und „begnügte“ mich damit, den Tagesrekord zu erreichen. Dankenswerterweise hatte der beste Schwimmer zu diesem Zeitpunkt den Ort des Geschehens verlassen, so dass ich entspannt und in knapp unter 10 Stunden die zum Sieg erforderlichen 15.500 Meter erschwimmen konnte. Der Tagessieg mit längster geschwommener Strecke und damit 1. Platz gesamt sowie in der Altersklasse neben dem Bezirksrekord waren der Lohn der Mühe.
Im nächsten Jahr dürfte es dann nicht mehr so leicht werden hier Zeichen zu setzen, da man mich nun kennt. Eine andere Taktik dürfte erforderlich werden, aber bis dahin kann ich ja noch etwas trainieren...