Mitte Juli bei Peters Start in Roth wurde mir als Zuschauerin bang vor meinem großen Event, ich wollte es nur noch hinter mir haben. An der Form war nichts mehr zu ändern, aber ich konnte trotz guter Zwischenergebnisse nicht einschätzen, wo ich stand. Das Abfahren der Regensburger Radstrecke hatte mir einen Eindruck verschafft, was mich erwarten würde, mich aber auch zusätzlich verunsichert.

Die Tage vorher

Ich bin ein Nervenbündel in den Tagen vor dem Wettkampf. Doch je näher er kommt, umso ruhiger werde ich. Am Freitag hole ich die Startnummer ab und bin fortan stolze Trägerin des gelben Bändchens und des Teilnehmerrucksacks. Die Wettkampfbesprechung schläfert mich ein wenig ein, die Nudelparty am Freitag verschafft mir ein besonderes Ironman-Feeling. Wir legen viele Kilometer zu Fuß in Regensburg zurück, weil alles sehr weit auseinander gelegen ist.

Am Abend habe ich trotz vorbereiteter Listen große Schwierigkeiten beim Packen der blauen und roten Tüte für die beiden Wechsel. Peter hilft mir die völlig verhedderten Nerven und den Inhalt zu sortieren.

Nach einem kurzen Rad- und Lauftest am Sonnabend begebe ich mich zum Check-In. Dann Entspannung mit der Familie am Strand und noch kurz zur ersten Boje schwimmen. Hinterher zur Walhalla, anschließend gibt es Pasta in der Stadt der langen Wege. Neben Triathleten sind hier viele Touristen, die sich vermutlich über den Rummel wundern.

Der Tag X

Vor dem Start bin ich überraschend ruhig. Die Nacht war besser als gedacht. Treffe Jan im größten Gewühl vor dem Start. Er ist bedeutend nervöser als ich. Wir helfen uns mit den Neos, dann verabschieden wir uns zum Einschwimmen.

Schwimmen

Schöne Stimmung vor dem Start, die Sonne scheint, viele Zuschauer sind am See, um mich herum ein Meer von gelben Badekappen. Habe Respekt vor dem Schwimmstart. Dann geht es endlich los. Es ist nicht eng, ich kann gleich richtig Schwimmen, natürlich gibt es Engpässe an den Bojen, aber das Feld ist disziplinierter als bei so manch anderem Event. Anfangs fühlt es sich bei mir sehr zäh an, erst später wird es etwas lockerer.

Nach gefühlten 1:10h und ein wenig orientierungslosem Querschwimmen auf der Zielgeraden komme ich aus dem Wasser, Erstaunen beim Blick auf die Uhr, die Stundenmarke habe ich nur knapp überboten! Erste Euphorie.

Radfahren

Die Angstdisziplin – was macht der Rücken?

Es rollt gut an, der Tacho zeigt mit ein wenig Rückenwind konstant weit über 30 km/h. Nach 10km kommen die Berge. Es fühlt sich leichter an als beim Abfahren vor zwei Wochen. Jan fährt an mir vorbei, wir rufen uns ein paar Worte zu.

An den Steigungen stehen Zuschauer und treiben alle an, In einigen Örtchen sind auch Bewohner am Straßenrand. Nach ca. 30 km geht es hinter der „Partymeile“ Brennberg erst langsam aber dann richtig runter. Dann die lange Flachpassage Richtung Süden. Es läuft toll, ich fühl mich gut, es macht Spaß. Die Kampfrichter sind eifrig im Einsatz, die Penalty-Boxen immer belegt, einige Startnummern gekennzeichnet. Richtung Westen kommen ein paar Hügel. Schließlich geht es mit etwas Rückenwind zurück zum See, Da sehe ich auch endlich meine Familie. Ich flitze vorbei. Habe am Ende der ersten Runde 30,8 auf dem Tacho und fühle mich noch super. Nach weiteren 10km wieder in die Berge. Es ist natürlich schwerer als in der ersten Runde, aber den anderen tut es auch weh. Dann die letzte rasante Abfahrt und die Flachpassage, der Gegenwind ist stärker geworden. Ich bin nicht mehr ganz so locker, der Schnitt geht noch ein wenig runter. Dann kommt der Rückenwind und plötzlich geht es wieder, ich beginne zu fliegen. Auf den letzten 5km, erscheint die 30,0 auf meinem Tacho, der am Ende mehr als 181km zeigt. Ich bin völlig überwältigt, vielleicht gebe ich vor Freude auch ein wenig zu viel Druck, aber es ist einfach nur der Wahnsinn. Und: Mein Rücken hat gehalten!

Laufen

Ich stelle mein Rad ab und komme überraschend gut in die aufrechte Position. Aber meine Beine wollen nicht laufen. Loslaufen! Mein Gehirn sendet den Befehl an die entsprechenden Muskelgruppen, diese folgen nur sehr widerwillig. Ich komme an meiner Familie vorbei, völlig happy wegen der Radzeit. Dann durch die Stadt. Super Stimmung. Aber ich muss mich zum Laufen zwingen, komm, erstmal die erste Runde, dann sehen wir weiter. Dann kommt das 2km-Schild: 10:30! Ohne jegliches Laufgefühl merke ich nicht, wie schnell ich unterwegs bin. Ich versuche, langsamer zu laufen, kann es kaum steuern. Bei 5km gestehe ich mir zu, an den  Verpflegungsstationen, also ca. alle 2km gehen zu dürfen. Dabei bleibe ich das ganze Rennen lang, ich lasse diese Pausen vielleicht 2-3x aus. Heute also Intervalltraining. Die Laufabschnitte sind offensichtlich recht flott, da ich zunächst weiter unter dem 6er-Schnitt bleibe, später nur wenig darüber komme. Mein Bauch schmerzt, ich muss ihn beruhigen. TUK-Kekse schaffen Abhilfe, alles andere (außer Wasser) ignoriere ich zunächst lieber.

Am Anfang jeder Runde sehe ich meine Familie, das baut auf!

Nach etwa der Hälfte wird mir langsam klar, dass eine Zeit unter 12 Stunden durchaus drin sein kann, wenn ich nicht den gefürchteten völligen Einbruch habe. Mein Magen hat sich beruhigt. Ich nehme jetzt je nach Gefühl auch mal einen Schluck Isogetränk, Apfel oder auch ein Gel zu mir. Das Laufen ist insgesamt lockerer geworden, hin und wieder fühlen sich die Beine für ein paar Kilometer richtig gut an. Die Zuschauer und Helfer sind toll, „auf geht’s, Rita“ überall. Klasse Stimmung in der Innenstadt und angenehme Ruhe in den Grünpassagen. Ich werde mir immer sicherer, dass es ein super Ergebnis geben wird. Ein letztes Mal durch die Innenstadt. Die letzte Gehpause ca. 5km vor dem Ziel. Dann nur noch durch. Ich schaue auf die Uhr, es kann unter 11:30h werden! Die Kilometer schmelzen dahin, die Geschwindigkeit steigt, nur nicht überzocken, nur nicht Übelkeit riskieren! Dann ein letztes Mal bei Peter, Chiara und Paolo vorbei, noch etwa 600m. Der Abzweig zum Ziel… der Wahnsinn ist perfekt. Ich durchquere den Zielbogen bei 11:28h!!

Im Ziel

Ich werde gefragt, ob es mir gut geht, immer wieder. Ja, unglaublich gut, unfassbar, sensationell. Die Helfer sind sehr nett, aber so richtig scheinen sie nicht zu verstehen, dass man sich so freuen kann. Oder wirke ich schon total durchgeknallt? Ich genieße einfach.

Finisher-Shirt und Urkunde abholen, Dusche, Massage und zur Familie, die mich geduldig wie immer erwartet. Gemeinsam gehen wir ins Festzelt. Mein Magen ist dicht. Ich will nach Hause, mich nur noch hinlegen. Wir kommen ins Hotel und ich falle ins Bett. Doch ich bin zu erschöpft zum Schlafen. Meine Beine tun so weh, mein Herz pochert.

Der Tag danach

Am nächsten Morgen bräuchte zum Aufstehen eigentlich einen Kran. Jede Bewegung, die nicht absolut gradlinig ist, stellt eine Qual dar. Ich habe Hunger, der Magen ist aber nach ein wenig Frühstück wieder dicht. Jetzt endlich ab in den Urlaub.

Fazit:

Mein körperlicher Zustand zeigt mir, dass ich sehr am oberen Limit meiner Leistungsfähigkeit gearbeitet habe. Es war beim Laufen vor allem eine Frage des Willens, immer wieder los- und weiterzulaufen. Aber es hat sich so gelohnt, ich bin so unglaublich stolz, diese Zeit erreicht zu haben, an die ich in meinen kühnsten Träumen und Rechenspielchen nicht gedacht habe. Superzeiten in allen drei Disziplinen.

Ob ich mir das noch einmal antun werde?

Rita

WJ-Ergebnisse:

111. M / 28.AK Nemitz, Jan 9:46.38,2 (1:05.12-3.23-5:15.38-2.45-3:19.38)

73. W / 8. AK Acampora, Rita 11:28.40,0 (1:00.25-3.35-6:02.16-5.15-4:17.08)