Die Geschichte aus dem Schilderwald, oder: 20 Jahre Berlinman: Danke!

Vorwort:
Nun ist er definitiv vorbei, dieser Sommer. Glücklicherweise hielt er noch bis zu unserem Sommerfest, aber spätestens am nächsten Tag war es klar: Es ist Herbst.
Mit dieser Distanz klingt der Nachhall des diesjährigen lokalen triathletischen Saisonhöhepunktes in tieferen und damit nachhaltigeren Tönen.


War das nicht großartig, diese grellen, schreienden sonnengetränkten Tage an historischer Stätte gemeinsam mit hunderten zufriedenen, ja teilweise glücklichen Menschen?
Dieser immer gleiche und dennoch immer wieder eigene Rhythmus mit den Elementen: Einstimmung, Vorstartspannung, Wechselhektik, Rhythmussuche, Grenzensuche und Zielstricherlösung (ein wenig gepuffert durch das Warten auf die Endergebnisliste).
Was für ein Rausch! Selbst mit einem Laufsplit von 40 Minuten auf 5 Km.

Doch in diesem Jahr kam noch etwas hinzu. Nach 20 Jahren nahezu ununterbrochener Teilnahme als Aktiver durfte ich erstmals das Ganze aus anderer Perspektive erleben.
Wahrlich, es ist nur ein ganz kleiner Ausschnitt aus einem Gefüge von vielen, vielen anderen Perspektiven der dutzenden Helfer. Auch Ihnen seien diese Zeilen gewidmet für Ihre Zeit, ihre Energie und all das was den Berlinman so besonders macht: Ihre Leidenschaft!
Eine Leidenschaft die ähnlich rauschartig ist, wie die „aktive“ Teilnahme. Nicht minder erschöpfend, eher mehr, aber immer mitgetragen von einem seltenen Gefühl im Zusammenhang mit unserem Sport:
Dem Miteinander!

Der Berlinman 2010:
Wenn man zu bestimmten Zeiten in der Nähe des Teltower Damms zielstrebigen, bunt gekleideten Radlern begegnet, liegt der Verdacht nahe, dass das man ein gemeinsames Ziel hat: Die Laehrstr.
So war es dann auch. Das ich mit diesem bärtigen Herren später noch einen eigentümlich
intensiven Abend erleben würde, war natürlich noch nicht klar, mir jedenfalls nicht. Stück für Stück rückten bei den folgenden pizzagarnierten Helfertreffen die großen Tage immer näher. Dabei galt es zunächst den Wechsel des Veranstaltungsortes planerisch und verwaltungstechnisch zu bewältigen. Die ruhige, aber dennoch zielstrebige Atmosphäre offenbarte in einer faszinierenden Selbstverständlichkeit eine unglaubliche Erfahrung bei der Durchführung solcher Veranstaltungen. Nahezu alle Helfer wussten schon vorher genau worauf es ankommt und was dazu nötig ist. Und wenn es um neue Aufgaben ging (z.B. Streckenführung des Laufens), dann war auch dass kein Grund zur Unruhe, weil es eine große Verlässlichkeit aller Verantwortlichen gab. Die größten Unsicherheiten entstanden durch die unumgänglichen  Genehmigungsprozeduren.
Auch als wenige Wochen vor dem Termin immer noch keine offizielle Genehmigung vorlag, wurde dieser Umstand nur mit einer charakteristischen Bemerkungen quittiert. Zu diesem Zeitpunkt waren schon derartig große Räder in Bewegung gesetzt worden, dass eine Absage eine ziemliche Katastrophe gewesen wäre. Allerdings war auch deutlich die allgemeine Erleichterung spürbar als dann endlich das Schreiben vom Pol.Präs vorlag.
Dann wurde es mit der Startnummernausgabe konkret. In den vertrauten Räumlichkeiten des Jugendgästehauses Wannsee standen sie wieder in langen kategorisierten Schlangen, die verschiedenen Altersklassen und Distanzen. Und wieder funktionierte die bewährte Weltraumjoggerorganisation. Selbst die Kleinsten halfen.

Der Aufgalopp mit der Jedermenschdistanz stand in sonnigem Antlitz. Organisatorisch, wie verlautet, eine vergleichsweise einfache Aufgabe. Am Abend begann dann der Ernst für uns, die unmittelbare Vorbereitung der Mitteldistanz.
Schon die ausführliche schriftliche Darlegung unseres Aufgabenfeldes ließ keine Zweifel, hier wird mit hoher Kompetenz ein Ehrenamt in bestem Sinne ausgeübt.
Die spätabendliche Praxis war dann schweißtreibend und überaus rückenbelastend. (Für diese Tätigkeit sollte schon im April mit der präventiven Rückengymnastik begonnen werden, am besten 3x wöchentlich.) Die Absperrungen am S-Bhf. Heerstr. mit ca. 1000 Kg Fundament und ca. 50 Metern Gitter standen nach etwa 70 Minuten. Die Nacht dauerte nur wenige Stunden, aber immerhin mussten wir uns nicht um den Ausfall von 33% unserer Transportkapazität kümmern. Das erledigten wieder ... schon klar.

Am Morgen strahlte die Sonne und der Zwerg aus dem Schilderwald lief zur Hochform auf. Noch bevor der erste Armzug das Wasser des Wannsee durchschnitt, erstellte ein Spitzensportler der eigenen Art die überraschend zahlreichen Straßensperren. Die abgelegten Gestänge und Schilder lagerten schon an den Straßenecken, mittlerweile in Teilen verziert durch die Hinterlassenschaften der liebsten Freunde der Menschen. Neben der körperlichen Belastbarkeit verlangte diese Tätigkeit zudem noch eine weitere sehr spezielle Fähigkeit: Differenzierte Kommunikation.
Einem deutschen Autofahrer die Weiterfahrt zu untersagen, noch dazu auf einer Strecke die gerade den Berlinern als Heiligtum gilt, und das vor der angegebenen Sperrzeit, das ist eine wirkliche Herausforderung.
Rechtzeitig zum Start waren wir dann wieder im Strandbad. Eigentlich unnötig zu sagen, dass während sich die Aktiven von nun an in ihrem üblichen Universum bewegten, auch noch Zeit für konstruktive Nebentätigkeiten blieb.
Dann zurück zu den Sperrungen. Die Steigerung einer Sperrung ist eine Sperrung ohne ersichtlichen Grund an einem sonnigen Sonntagmittag. Tja, offiziell lief das Rennen noch, aber auf der Strecke radelte niemand mehr. Hier böten sich geeignete Praktikumsstellen für angehende Mitarbeiter/innen des diplomatischen Korps. Bei uns leisten das viele unserer Streckenposten (unter Einsatz ihrer Gesundheit!).
Der Abbau folgte mit dem gleichen Engagement und der gleichen Präzision wie am Morgen.
Am Ende dieses Berlinman 2010 bleibt als nachdrücklichster Eindruck, der Gedanke an die vielen vorherigen Wettkämpfe bei denen ich als Teilnehmer oder besser Nutznießer, völlig unwissend ob des wirklichen Aufwandes meine Spur zog.

Im Nachhinein an alle aktuellen und früheren Helfer und Organisatoren und ... und das vor allen Anderen: Deren Familien!! (Originalkommentar einer toleranten Ehefrau zum Bm 2010: „Ach, dieses Jahr war es doch nur eine Nacht, in den letzten Jahren blieb mein Mann immer drei Tage fort.“)
Schlichtweg: Danke!

Nachtrag:
Während der Studienzeit war der Sommer immer eine sehr intensive Zeit. Die mehrwöchige Betreuung von ca. 100 Kindern aus den Problembezirken Berlins führte beim Betreuungspersonal regelmäßig zu dem Schwur: Das war in diesem Jahr endgültig das letzte Mal!
Mal schauen, ob ein solches Ritual an anderer Stelle wieder auflebt.

Knut Zieße