Es ist Donnerstag, der 15. Juni 2017, 17:00 Uhr. Ich befinde mich in Grainau im Angesicht der Zugspitze und bin kurz davor, die folgenreichste Entscheidung meines Sportlerlebens zu treffen.

Nach wie vor ganz begeistert von den Eindrücken des Rennsteig-Supermarathons des vergangenen Jahres, den ich mit Stefan und Peter gelaufen bin und den Stefan so plastisch und wortreich dargestellt hat, entstand zum Jahreswechsel – wie sollte es anders sein – der Wunsch, einen weiteren Landschaftslauf zu unternehmen.  Die Bestzeitenjagd sollte ein Ende haben und der Genuss und die Freude an der Landschaft im Vordergrund stehen.

So war nach einigen Recherchen der passende Lauf gefunden. Der Zugspitz Ultratrail bietet den großen Vorteil, dass es eine sog. Flexrate gibt. Diese ist zwar mit EUR 129,00 verhältnismäßig teuer, bietet aber den Vorteil, dass man einen garantierten Startplatz hat und noch einen Tag vorher entscheiden kann, welche der fünf angebotenen Strecken man laufen möchte: Basetrail (24,9 km, 1.595 Hm), Basetrail XL (39,3 km, 1.896 Hm), Supertrail (62,8 km, 2.923 Hm), Supertrail XL (81,4 km, 4.131 Hm) und Ultratrail (101,6 km, 5.412 Hm). Da es sich anders als bei den bisher absolvierten Läufen um einen  Lauf im hochalpinen Gelände handelt und auch die Wegbeschaffenheit deutlich von den Läufen im Mittelgebirge abweicht, war ich sehr unsicher, welche Strecke es denn nun werden sollte.

Bei einem meiner wenigen Schwimmtrainings in diesem Jahr half mir Stefan mit einer Bemerkung zumindest ein wenig bei der Auswahl: „Wegen eines Marathons oder eines Halbmarathons die ganze lange Strecke fahren, das lohnt doch nicht. Die 62 km müssen es mindestens sein.“ Also blieben noch drei Strecken übrig, wobei die Strecke über 82 km besonders hervorstach,  da es sich bei diesem Lauf um die Deutschen Meisterschaften im Trailrunning handelte.

Da ich aber nicht ansatzweise wusste, worauf ich mich selbst bei einem 62km-Lauf in den Alpen einlasse, dachte ich mir, dass es am besten sei, erstmal niemandem etwas von meinen Plänen zu erzählen. Stefans Bericht Anfang des Jahres, dass dieses Jahr keiner einen langen Kanten plane, ließ mich noch einmal kurz zucken, aber ich blieb standhaft. Dann kam das Schwimmtrainingslager zu Beginn des Jahres, welches mir eine wichtige Erkenntnis brachte: Verzicht auf regelmäßiges Training vor sportlichen Herausforderungen kann ausgesprochen schmerzhaft und erschöpfend sein. Also fing ich kurz danach an, nach Trainingsplänen für den Zugspitz-Lauf zu suchen. Erfreulicherweise stehen für alle Streckenlängen Pläne auf der Veranstalterseite bereit. Was mich dann geritten hat, mir den Plan für die 100 km herunterzuladen, vermag ich auch nicht mehr zu sagen.  Mein Gedanke war schlicht und einfach, wenn ich für die 100 km trainiere, müsste es doch eigentlich auf den kürzeren Strecken gut klappen.

Was ich zugegebenermaßen etwas ausgeblendet habe, waren die in den Trainingsplänen angegebenen Höhenmeter. Ansonsten habe ich es weitestgehend geschafft, die Kerneinheiten einzuhalten. Lediglich einige Recom- und Lauf-ABC-Einheiten sind hinten runter gefallen. Höhenmeter sollten und sind auch bei den beiden Vorbereitungsläufen Harzquerung (51 km) und Rennsteig-Marathon (diesmal die normale Strecke) gefallen. Beide Rennen wären einen eigenen Bericht wert, da die Harzquerung ausgesprochen familiär war und mich von der Herzlichkeit an unseren Volkstriathlon erinnerte und der Rennsteig-Marathon von der Stimmung am Start für meinen Geschmack noch besser als beim Super-Marathon war.

So ging eine Trainingswoche nach der anderen ins Land und die Entscheidung, welche Strecke es nun werden sollte, rückte immer näher. Doch dann der große Schock etwa zwei Wochen vorher:  Kurz über einen Ast gesprungen und plötzlich ein stechender Schmerz in der Wade. Anruf  bei meiner Physiotherapeutin, die zunächst auf einen Muskelfaserriss tippte. Ich bat sie, sich das einmal anzuschauen. Während der Behandlung konnte Sie zum Glück keine schwerwiegenden Schädigungen spüren. Stattdessen wurden danach beide Waden derartig malträtiert, dass ich gar nicht mehr wusste, wo der ursprüngliche Schmerz war. Danach noch ein Tape auf die Wade und der Schmerz trat nur noch sporadisch und im Wesentlichen unter Belastung auf. Eine große mentale Belastung war es aber bis zum Wettkampftag. Hinzu kamen noch die Wettervorhersagen, die nahezu die gesamte Woche vor dem Wettkampf Dauerregen für Samstag angesagt hatten. Konnte ich mir wirklich vorstellen, 100 km in den Alpen und dann auch noch bei Regen zu laufen?

Zwar war ich mittlerweile mit der kompletten Pflichtausrüstung, bei der das Herz eines jeden ausstattungsaffinen Triathleten höher schlagen dürfte (inklusive einer federleichten Regenkombination, bei der man sich nicht fragen darf, wieviel ein Gramm Regenjacke eigentlich kostet) ausgestattet. Aber traute ich mir wirklich eine ca. 24-stündige und damit doppelt so lange Belastung wie alles was ich zuvor gemacht habe und dann auch noch bei Regen zu?

Glücklicherweise wurden die Wettervorhersagen am Donnerstag vor dem Rennen wieder besser. Da war er wieder, mein sich mittlerweile verselbständigter Traum, einmal auf die 100km-Strecke zu gehen. Und so stand ich nun an besagtem Donnerstag im Kurzentrum von Grainau und bestätigte voller Übermut, dass ich mich für die 100km-Strecke entschieden habe.

Freitag abend, bereits nach meiner Anmeldung, war ich mit einigen anderen zuvor kennengelernten Läufern bei der Pasta-Party, die zugleich das Sicherheitsbriefing beinhaltete. Dort hörte ich dann von unterschiedlichsten Leuten Bemerkungen wie „Die 100 Meilen von Berlin sind mein Lieblingslauf, da war ich schon drei mal dabei“, „bei der Harzquerung dieses Jahr bin ich 9. geworden“ und „ich trau mir nur die 24,9 km zu; der letzte Berg, hat´s richtig in sich“. Dazu muss man wissen, dass die 100 km-Runde in Grainau startet und auch das Ziel in Grainau hat. Alle kürzeren Strecken starten in anderen Orten, die von den 100 km-Läufern passiert werden, und haben ihr Ziel ebenfalls in Grainau. Der genannte harte Anstieg kam bei mir also erst nach rund 80 km.

Die Nacht vor dem Rennen verlief aufgrund der Anspannung ausgesprochen unruhig, obwohl ich mir immer wieder gesagt habe, wie wichtig der Schlaf sei, da ich nach meiner Grobplanung wohl die kommende Nacht komplett unterwegs sein dürfte.

Nach einem kurzen Frühstück wartete die erste Hürde: Check der Ausrüstung mit der Folge einer Disqualifikation, wenn etwas fehlen sollte. Zum Glück lief alles glatt und ich konnte mit meinem ca. 4 kg wiegenden Rucksack in den Startbereich. Dort wurde es dann hochemotional und sehr skurril: Der Ansager spielte „Highway to Hell“ und nach dem Startschuss marschierte in Form eines neutralen Starts eine bayerische Trachtengruppe vorneweg und eine Horde von immer unruhiger werdenden, mit Hightech ausgestatteten Läufern hinterher.

Mit großer Demut bin ich ganz hinten gestartet, da anfangs gleich Höhenmeter gemacht werden, so dass mich das Ganze mehr an Trailwalking, denn an Trailrunning erinnerte. Leider meldete sich auf den ersten 20 km auch regelmäßig meine Wade wieder, sodass ich arge Sorgen hatte, ob sie bis zum Ende hält. Doch dann passierte etwas sehr Sonderbares bei der zweiten, im übrigen perfekt ausgestatteten Verpflegungsstation ca. bei km 20. Ich schlug meine Beine übereinander, massierte die Waden und in einem Moment der Unaufmerksamkeit stach mich eine Bremse an genau der Stelle, die schmerzte. Fortan juckte die Wade wie sonstwas und die Schwellung und Färbung der Wade hielt auch noch die kommenden Tage an. Aber das Ziehen und der Schmerz waren wie weggeblasen und sind auch bis zum heutigen Tag nicht zurückgekehrt. Vielleicht sollte ich mir zu Hause eine Therapie-Bremse halten…

Nun folgte der schönste Teil des ganzen Laufs, hochalpin bis ca. 2.200 m, traumhafte Trails und Aussichten, Sonnenschein und perfekte Verpflegungsstationen. Wie brachte es einer meiner Mitstreiter so schön auf den Punkt: „Ultralaufen ist im Wesentlichen Essen und Trinken und  zwischendurch läuft man ein bißchen.“  So ging es die kommenden 35 Kilometer stetig bergab und bergauf und die Zeit verging wie im Fluge. Lediglich bei den Bergabpassagen merkte ich schon jetzt das fehlende Bergtraining: Die Schritte wurden unsicherer und das ein oder andere Mal kam ich ins Rutschen ohne jedoch zu stürzen. Zwischen km 55 und km 80 ging es für Alpenverhältnisse relativ flach voran, sodass mein erster Gedanke war: Endlich mal das, was ich in Berlin die ganze Zeit trainiert habe. Ich nahm also die Beine und die Stöcke in die Hand und joggte relativ konstant in die langsam aufkommende Dunkelheit.  Bei der letzten Verpflegungsstation vor dem finalen Anstieg mit 1.200 Höhenmetern war es Zeit, die Stirnlampe herauszuholen, da es mittlerweile stockdunkel war. Einen Großteil des Anstiegs bestritt ich mit einem anderen Läufer, um für den Fall eines Ausfalls der Lampe gewappnet zu sein.

Auch wenn ich so langsam das Ende des Laufs herbeisehnte, war es doch ein beeindruckendes Erlebnis in die Nacht hineinzulaufen und zu spüren, wie es im Wald immer ruhiger wurde. Dass ich für die verbleibenden 20 km jedoch so lange brauchen würde, dass ich sogar das Erwachen des Waldes in Form von Vogelzwitzschern erleben würde, hätte ich nicht gedacht. Zuvor wartete die Strecke jedoch noch mit einer weiteren Gemeinheit auf: Die letzte Verpflegungsstation befindet sich auf einer Höhe von 1.800 Hm. Dort angekommen musste noch eine 7 km lange Runde mit einem Anstieg bis auf 2.000 m absolviert werden, um danach wieder an derselben Verpflegungsstation anzukommen. Beim ersten Anlaufen der Station trifft man also all die Läufer, die die Runde schon hinter sich haben. Dieser letzte sehr ausgesetzte Weg war neblig und ausgesprochen rutschig; außerdem entwickelten sich die Temperaturen langsam Richtung Null Grad und mir war nicht immer ganz klar, ob es nun Nebel oder Schneeregen ist. Nach einer letzten Stärkung ging es in den finalen Abstieg von rund 1.250 Hm, der zwar nur rund 6 – 7 km betrug, aber ausgesprochen schmerzhaft war. Mittlerweile waren die Oberschenkel derartig ermüdet, dass ich kaum noch die Beine einknicken konnte und jeder Schritt unglaublich schmerzte.  An Laufen war aufgrund der Ermüdung kaum noch zu denken. Außerdem wollte ich auch auf den letzten Metern nicht mehr das Finish gefährden. Eine offensichtlich kluge Entscheidung, da die Ergebnislisten vier Läufer ausweisen, die 140 m vor dem Ziel aufgeben mussten.

Die letzten 2 km waren dann noch in Grainau auf Asphalt zu laufen. Gegen 5:45 Uhr kam ich unglaublich erschöpft, aber sehr bewegt und stolz dort an, wo ich ca. 22,5 Stunden zuvor an den Start gegangen bin.  Ich hatte es tatsächlich geschafft, einmal das Wettersteingebirge zu Fuß zu umrunden und dabei immerhin den 247. Platz von 476 männlichen Starten zu belegen.

Würde ich so etwas noch einmal machen? Unmittelbar danach habe ich zu meiner Frau gesagt: „Nein, das brauche ich nicht noch einmal.“. Mittlerweile muss ich mir nur die Fotos anschauen und komme bereits ins Grübeln, welcher weitere Trailrun mich noch reizen würde… Aber vielleicht mache ich auch einfach mal wieder einen Triathlon. Denn das muss ich schon sagen: Ein reines Lauftraining wird irgendwann doch recht eintönig. Und außerdem bin ich ja Mitglied in einem Triathlonverein und nicht in einem Laufverein!!!

Bis bald wieder beim Schwimmen, Marcus